Die Laufschuhe sind das neue Ticket in die Ferne. Vom weißen Horizont der Arktis bis zum Asphalt Manhattans: Organisierte Laufreisen und Events definieren das Joggen neu.
Text: Sarah Lohmann
Der Asphalt vibriert. Unter dem Johlen der Millionen von Fans an der Strecke versteht man kaum sein eigenes Wort. Doch ans Sprechen ist ohnehin nicht zu denken, denn jetzt gilt es nur, das Ziel zu erreichen: den Central Park. Jährlich starten mehr als 50.000 Läuferinnen und Läufer beim New York City Marathon. Edith Ring ist bereits zweimal dort gelaufen, eine weitere Teilnahme hat die zertifizierte Lauftrainerin aus Stolberg fest eingeplant. „Die Vorbereitung in der Stadt, die Energie am Renntag, die Reaktionen der Menschen: Das ist einzigartig“, sagt sie.
Laufen war lange eine Rechnung aus Tempo, Kilometern und Kalorien. Heute zählt das Erlebnis. Der Begriff „Race-cation“ beschreibt diesen Wandel: Läufer verlängern ihren Aufenthalt oft und verbinden ihr Rennen mit Sightseeing und Kultur. Laut einer Umfrage von Running USA ist der Ort eines Marathons heute wichtiger für die Wahl eines Laufs als je zuvor. Weltweit entstehen deshalb neue Formate: Trailruns an norwegischen Fjorden, Wüstenrennen in Jordanien, City-Halbmarathons in Kulturhochburgen.
Laufen als Lifestyle
„Laufen in neuen Umgebungen und in Gruppen wirkt nach“, sagt Edith Ring. Studien aus der Sportpsychologie bestätigen das. Gemeinsame sportliche Erlebnisse in ungewohnten Settings steigern die emotionale Bindung zum Training und erhöhen langfristig die Trainingskonstanz. Ring begleitet diesen Trend seit Jahren professionell. Trainingscamps auf Mallorca gehören ebenso dazu wie Starts bei Groß-Events in Zermatt, Berlin oder New York. Orte, an denen Laufen nicht nur sportlich, sondern auch sozial funktioniert. „Man vernetzt sich anders“, sagt sie.

Die Bedingungen sind teils extrem, auch bei Rennen im Sommer 2026. Der Tromsø Midnight Sun Marathon am 20. Juni ist eines der bekanntesten Beispiele. Gelaufen wird nördlich des Polarkreises, entlang von Fjorden und steilen Bergflanken, wenige Kilometer vom Eismeer entfernt. Der Marathon zählt zu den nördlichsten der Welt.
Viele Laufreisende zieht es zum Trail- und Adventure-Running, beispielsweise zum Zermatt-Marathon. Es werden Höhenmeter gemacht, der Sauerstoffgehalt ist deutlich geringer als im Flachland. Die Bedingungen verlangen Respekt. Laut Edith Ring sollte man bei Höhenläufen einige Tage früher anreisen, um sich zu akklimatisieren; das gilt auch für Läufe im heißen Süden.
Manchmal steht auch die Sinnsuche im Fokus. In Galicien wird im Juni 2026 der Jakobslauf Camino Inglés ausgetragen. Die Strecke orientiert sich am historischen Pilgerweg und kombiniert Lauf- und Wanderpassagen. Ziel ist Santiago de Compostela. Mit Etappen, Pausen und Reflexionsphasen ist dies kein klassisches Rennen. Der Reiz liegt im Wechsel, Belastung trifft auf Einkehr.
Urbane Vibes und gute Laune
Die Sehnsucht nach Atmosphäre zeigt sich auch in Deutschland. Der Mittsommer-Lauf in Berlin nutzt die kurzen Nächte rund um die Sommersonnenwende und schickt die Teilnehmer in den Sonnenaufgang – für fünf oder zehn Kilometer. In Düsseldorf und Hamburg kombiniert der Vabali Sunrise Run Bewegung mit Regeneration. Europa ist ebenfalls dicht bespielt. Lissabon, Barcelona, Warschau, Brüssel, Prag: Fast jede größere Stadt hat ein Lauf-Flaggschiff. Jedes Rennen hat seinen eigenen Charakter: Valencia gilt als schnell, Paris als visuell spektakulär, Amsterdam als top organisiert.
Parallel dazu wächst die Szene der Urban Trails – Läufe, die Stadtarchitektur, Natur und Trails verbinden. Sie unterscheiden sich von klassischen Cityruns: Treppen, Parks, Kopfsteinpflaster, kleine Hügel und urbane Waldpassagen wechseln sich ab. Manchmal läuft man sogar durch Museen.
Der Pro-Potsdam-Schlösserlauf etwa führt an mehreren Unesco-Welterbestätten vorbei und verbindet Parks mit Architektur. Auch Genuss hat beim Laufen seinen Platz. Der Brauereienlauf in der Fränkischen Toskana punktet mit kurzen Distanzen und regionaler Kulinarik, ebenso der Genusslauf Müllheim – ideal als Einstieg.
Das Fundament des Erlebnisses
Entscheidend ist aber das Training davor. Edith Ring sieht hier die größte Fehlerquelle. Ein belastbarer Indikator ist für sie die Ein-Kilometer-Rennzeit. „Die ermitteln wir nach Möglichkeit auf einer Laufbahn“, erklärt die Expertin. Das Ergebnis zeige, welche Distanzen machbar seien. „Die Belastung muss fordern, darf aber nicht überfordern“, so Ring.
In den Kursen der Lauftrainerin beginnt die Vorbereitung kontrolliert. Zwölf Wochen gelten als Mindestzeitraum für Einsteiger und Wiedereinsteiger. Ziel ist nicht Tempo, sondern Anpassung. Sehnen, Bänder und Muskulatur reagieren langsamer als das Herz-Kreislauf-System. Erst wenn diese Basis gelegt ist, ergibt die Reise Sinn. Dann spielt es keine Rolle, ob man beim Europalauf in Hennef startet oder sich an der New Yorker Fifth Avenue feiern lässt.
Termine 2026
Von Füssen bis Formentera: Hier macht Laufen richtig Spaß.
- 6. Juni: Spitzbergen-Marathon
- 7. Juni: Pro-Potsdam-Schlösserlauf
- 7. Juni: Vabali Sunrise Run in Hamburg
- 14. Juni: Mittsommer-Lauf Berlin
- 20. Juni: Mittsommer-Lauf in Konzen
- 3. Juli: Zermatt-Marathon
- 24./25. Juli: Blefjells Beste
- 25. Juli: Königsschlösser-Marathon in Füssen
- 19. September: Brauereienlauf in der Fränkischen Toskana
- 20. September: Copenhagen Half Marathon
- 10. Oktober: Formentera Sunset Run
- 11. Oktober: Royal-Parks-Halbmarathon in London
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Fotos: dpa/Picture Alliance, privat
