Karriere, Geld & LebenGeld ausgebenAllein verreisen: Me-Time in Vollendung

Allein verreisen: Me-Time in Vollendung

Einst aus der Not geboren, sind Singlereisen inzwischen ein echtes Statement. Welche Vorteile das Alleinverreisen hat, welche Destinationen sich am besten eignen und was man generell beachten sollte.

Text: Yorca Schmidt-Junker

Es beginnt mit einem besorgten Blick und Fragen wie: „Hast du dir das auch gut überlegt?“ Menschen, die die Absicht hegen, allein zu verreisen, sehen sich häufig mit skeptischen Kommentaren aus dem Freundes- und Familienkreis konfrontiert. Ein Solotrip gilt als zu selbstbezogen, zu gefährlich, zu langweilig oder schlichtweg als verdächtig. Gerade, wenn Singlemänner über 40 oder in fester Beziehung lebende Frauen sich dazu entschließen.

„Alleinreisenden unterstellt man oft egoistische Motive oder diffuse Absichten, denn soziokulturell sind wir darauf konditioniert, dass eindrückliche Erlebnisse wie zum Beispiel eine Fernreise, ein Opernbesuch oder auch das Essen in einem Sternerestaurant physisch mit jemandem geteilt werden müssen, weil erst das wahren Nachhaltigkeitswert schafft“, so der Psychologe Michael Lehnigk.

Wachsende Gruppe

Dabei straft die Statistik das noch immer verbreitete Unverständnis gegenüber Alleinreisenden Lügen: Im Jahr 2023 entfielen 11,1 Prozent aller Urlaube auf Solo-Auszeitsuchende, was einer absoluten Zahl von 7,13 Millionen entspricht. Und immerhin 54 Prozent der Deutschen gaben an, schon einmal allein verreist zu sein.

Travel-Experten, Reiseanbieter sowie Start-ups sehen darin längst einen Trend und setzen mit Blogs, speziell konzipierten Angeboten und Apps gezielt auf die wachsende Gruppe der Urlaubssolisten. „Wir beobachten vermehrt Anfragen von Kunden, die auf konsequente Me-Time beim Reisen setzen und von daher allein unterwegs sein wollen“, sagt Reiseexpertin Elena Polymenis, die sich auf die Konzeption von Singlereisen spezialisiert hat.

Lost in Translation muss man beim Japanbesuch heute nicht mehr sein: Apps übersetzen jedes Schild. Auch Island ist ein Traumziel – und man kann auf einer Pony­tour die Schönheit der Natur in Gemeinschaft genießen.

Aus der vorgeblichen Not, allein Urlaub machen zu „müssen“, ist inzwischen die Tugend geworden, sich ganz bewusst dafür zu entscheiden. Und das hat viele Vorteile, wie Michael Lehnigk bestätigt: „Unbekanntes Terrain allein zu entdecken, öffnet sprichwörtlich neue Horizonte. Es schärft unsere Selbstwahrnehmung und unsere Selbstwirksamkeit, weil wir uns ungefiltert auf neue Herausforderungen, Erfahrungen und Begegnungen einlassen und diese moderieren und bewältigen müssen. Da entdeckt man dann plötzlich ungeahnte Fähigkeiten und Talente an sich, was die Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig pusht und schlussendlich die innere Zufriedenheit fördert.“

Komfortable Solotrips in Europa

Doch bevor es an die konkrete Planung geht, sollte man einige grundlegende Fragen klären. Welche Art von Urlaub möchte ich verbringen? Was ist mir wichtig, um mich möglichst frei entfalten und ausleben zu können? Und welche Destinationen kommen überhaupt infrage, um sowohl meinen Ansprüchen und Sehnsüchten als auch Sicherheitsaspekten gerecht zu werden? Denn natürlich kann es Risiken bergen, ohne Begleitung, die Sicherheitsnetz, moralische Unterstützung und soziales Korrektiv zugleich ist, ferne Kontinente zu erobern.

Als prinzipiell sicher gelten die meisten europäischen Länder, unter denen die Schweiz, Portugal und Irland besonders hervorstechen. „In diesen Ländern ist es neben einer allgemein entspannten Grundmentalität vor allem die exzellente Infrastruktur, die Alleinreisenden Komfort und Sicherheit vermittelt“, fasst es Polymenis zusammen.

Auch Schottlands Highlands sind perfekt für Soloreisen. Spektakuläre Aussichten auf Wandertouren und eine traditionsreiche Kultur bieten für jeden Geschmack etwas – ob beim Besuch von Burgen oder Destillerien. Die Region gilt zudem als eine der sichersten und gastfreundlichsten Europas, was sie ideal für Solotouren macht. Sprachlich gibt es weniger Hürden als anderswo, und in den lokalen Pubs findet man als Alleinreisende oder Alleinreisender meist schnell Anschluss.

Hotels mit Optionen für Alleinreisende

Das Angebot an Unterkünften, Kulturhighlights sowie Sport- und Freizeitprogrammen, die sich speziell an Alleinreisende wenden, ist in diesen Ländern breit gefächert. „Ausgewählte Hotels bieten inzwischen großzügig gestaltete und zuschlagsfreie Einzelzimmer sowie Spezialpakete an, die maximale Privatsphäre, einen angepassten Service und Optionen für vielfältige Gemeinschaftsaktivitäten beinhalten“, so Polymenis.

Das können Dinnerabende am offenen Tisch, Spielepartien, Lesungen, Workshops im Loungebereich und Ausflugsprogramme zu Natur- oder Kulturattraktionen sein. Dabei gilt: Alles kann, nichts muss. Und für Spezialanliegen verfügen Singlehotels über einen dafür geschulten Concierge, der als Vermittler, Bezugsperson und Notfallkontakt vor Ort fungiert.

Interkontinentale Trendziele

Außerhalb Europas genießen Kanada, Island, Japan und Neuseeland einen exzellenten und sicheren Ruf als Ziele für die gehobene Auszeit. Ob man dabei lieber eine Individualreise bucht oder auf das Konzept der Gruppenreise setzt, hängt primär vom eigenen Gusto ab. Bei eigener Organisation und Realisierung einer komplexeren Reise kann das Konzept der Gruppenreise jedoch ungleich vernünftiger sein.

„Wer auf einer Wandertour die Geysire und Vulkane auf Island entdecken will, kann das durchaus allein oder auch in Begleitung eines Guides vor Ort umsetzen. Aber bei einer Solo-Tempeltour durch Japan stößt man logistisch und mental schnell an seine Grenzen – schon wegen der Sprachbarriere. Da ergeben Gruppenreisen einfach mehr Sinn, zumal sie auch kostenschonender sind“, erklärt Elena Polymenis.

Island hat einen exzellenten und sicheren Ruf als Ziel für die gehobene Auszeit.

Etablierte Anbieter wie Studiosus, SKR Reisen und Adamare Singlereisen achten dabei auf ein ausgewogenes Verhältnis von Altersklassen, Geschlechtern und spezifischen Interessen und verfügen zudem über ein reiches Angebot an Reisen zu Top-Zielen wie Costa Rica, Oman oder Namibia.

Daneben gibt es noch echte Geheimtipps für Urlaubssolisten. In Europa entwickelt sich Albanien mit seinen wilden Flusslandschaften samt Canyons und nahezu unberührten Stränden gerade zum Trendziel. Und Bhutan gilt nicht nur aufgrund seines exponierten Spitzenplatzes im weltweiten Glücksranking als Sehnsuchtsziel. Genauso wie die Südsee, wo eine Reise auf den Spuren Paul Gauguins vielleicht die Erfüllung eines lang gehegten Traums markiert – den man aus ganz persönlichen Gründen lieber allein ausleben möchte.

Von digitalen und realen Begegnungen

Doch manchmal ist der Grat zwischen Alleinsein und Sich-allein-Fühlen schmal. Was also tun, wenn sich unterwegs der Urlaubsblues einstellt? „Für solche Fälle gibt es spezielle Apps, die einen mit Gleichgesinnten vor Ort vernetzen und auf Wunsch die Möglichkeit zu Treffen und gemeinsamen Aktivitäten bieten“, so Elena Polymenis. Dies können zum Beispiel Apps wie Trip BFF oder Nomadtable sein. Es gibt mit Tourlina auch eine App für allein reisende Frauen – mit hoher Sicherheitsgarantie, weil nur verifizierte Userinnen Zugang erhalten (siehe Liste unten).

Trotz aller digitalen Annehmlichkeiten sowie der Gesellschaft anderer Alleinreisender oder von Local Expats, sollte man die kleinen, gezielten wie spontanen Begegnungen mit Einheimischen nicht vernachlässigen. „Den Menschen aus anderen Kulturkreisen mit Offenheit und Kommunikationsbereitschaft gegenüberzutreten, ist der beste Weg, um nachhaltige Erinnerungen zu schaffen“, sagt Michael Lehnigk. Der interkulturelle Austausch, das sporadische Eintauchen in eine andere Lebenswelt und die Erfahrungen, die daraus erwachsen: Genau das ist es, was uns fordert, inspiriert und glücklich macht.

Ob und wie wir die schönen, skurrilen, unvergesslichen und vielleicht auch kurzzeitig mal sorgenvollen Urlaubsmomente dann im Nachhinein teilen, bleibt uns selbst überlassen. Und das ist in Zeiten, da über Social Media geradezu hysterisch alles geteilt wird, doch mal ein erfrischend selbstbestimmter und entspannter Ansatz.

App-Tipps: Praktische Helfer nicht nur für Alleinreisende

  • Trip BFF. Menschen treffen, die zur selben Zeit am selben Ort sind.
  • Nomadtable. Ob Coffee-Date oder gemeinsam ins Museum: Hier findet man Gleichgesinnte für Aktivitäten.
  • Meetup. Sich spontan über Events aller Art informieren und Anschluss finden.
  • Tourlina. Speziell für Frauen konzipiert, findet man im Vorfeld oder unterwegs weibliche Travelmates und kontaktfreudige Einheimische.
  • Deepl. Für schnelle und genaue Übersetzungen per Sprache, Text oder Foto.
  • Auto Europe. Mit dieser App kann man bei 28.000 Anmietstationen weltweit einen Mietwagen buchen.

Fotos: Adobe Stock, iStockphoto

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